Geposted am 5. Juli 2017  | Autor: Oliver Schneider

Ein Standard ERP passt nicht zur Print und Packaging Industrie

In vielen Gesprächen mit Verantwortlichen aus der Verpackungswelt kommt immer wieder die Aussage "Ein Standard ERP passt nicht zu unserer Industrie."

"Nein", sage ich und erkläre dann warum.


Betrachtet man heutige Standard ERP Systeme mit Ihrem hohen Detailierungsgrad, dann trifft die Aussage, dass das ERP nicht für die Druck- und Verpackungsindustrie passt, auf den ersten Blick zu. Aber stimmt das immer? Was ist, wenn man das aus der Prozess-Sicht um einen Level höher betrachtet? Wenn man Vollständigkeit und Integrität zu jedem Zeitpunkt in jedem Detailierungsgrad neu bewertet, was passiert dann?

Zurück zum Anfang. Die Anforderung an ein ERP System ist, den Mengen- und Wertefluss einheitlich abzubilden und alle rechtlichen Anforderungen in Bezug auf das Rechnungswesen zu erfüllen. In Wikipedia findet man:

Enterprise-Resource-Planning (ERP) bezeichnet die unternehmerische Aufgabe, Ressourcen wie Kapital, Personal, Betriebsmittel, Material, Informations- und Kommunikationstechnik und IT-Systeme im Sinne des Unternehmenszwecks rechtzeitig und bedarfsgerecht zu planen und zu steuern. Gewährleistet werden sollen ein effizienter betrieblicher Wertschöpfungsprozess und eine stetig optimierte Steuerung der unternehmerischen und betrieblichen Abläufe.

Warum passt ein ERP nicht?

Das Denken in Stammdaten und Entitäten entspricht der Sichtweise eines Standard ERP Systems - es setzt aber immer voraus, dass etwas schon genau bekannt ist und dass sich das Bekannte auch nicht mehr ändert. Aussagen wie "Vielleicht" oder "weiß ich noch nicht" sind nicht zulässig.

Die Druck- und Verpackungswelt ist hier anders - es ändert sich laufend "noch" etwas. Einzelne Punkte sind zu Beginn nur ungefähr bekannt, es wird nicht in Stücklisten oder Arbeitsplänen sondern in Ausschießbögen, den Bogeneinteilungen gedacht. Mitarbeiter erwarten sich ein branchenspezifisches Erscheinungsbild, mit branchenspezifische Feldern und der Terminologie der Verpackungsbranche.

Das Hauptproblem liegt aber in den Prozessen, speziell dem Produktentwicklungsprozess und den Änderungsprozessen.

Da ein ERP System für die Produktion auf Artikeln, Stücklisten und Arbeitsplänen basiert, müssen genau diese Daten vollständig vorhanden sein, damit ein ERP System damit rechnen und planen kann.

In der Druck- und Verpackungsindustrie sind vollständige Stücklisten und Arbeitspläne zu Beginn noch nicht bekannt, bzw. auch noch nicht wichtig. Arbeitspläne und Stücklisten entwickeln sich und sind hinsichtlich Änderungen flexibel. Bekannt sind zu Beginn nur einzelne Bereiche, z.B. der Ausschießbogen und der Fertigungsweg. In vielen Fällen ist das auch vollkommen ausreichend. Maschinen können belegt, Rohmaterialien können bestellt und weitere Schritte können durchgeführt werden.

Die Konkretisierung auf ein ganz spezielles Druckbild ist real im Offsetdruck erst bei der Plattenbelichtung, im Rollendruck erst bei der Bestellung oder Fertigung der Druckwerkzeuge relevant. Viel wichtiger ist die Unterstützung bei der Erstellung der optimalen Bogeneinteilung. Bis zu diesem Zeitpunkt sind Designänderungen jederzeit möglich. Auflagen und Terminänderungen sind sogar noch weit später zulässig. Das alles führt zu Komplikationen in der heutigen "Denkweise" von ERP Systemen.

Bekannte Hürden

Branchenlösungen und Individuallösungen versprechen Abhilfe. Im Bereich der Produktabbildung trifft das meist auch zu, da jedes Feld genau passt. Leider fehlt dann aber oft die Integration in andere Prozesse aus dem ERP Standard. D.h. Branchenlösungen und Individuallösungen sind oft nur ein Ausschnitt aus der gesamten Prozesslandkarte eines Unternehmens.

Wird ein Standard ERP System betrachtet, dann entwickelt sich dieses weiter und folgt technologischen Entwicklungen und Prozessanforderungen. Klar ist, dass eine Standardsoftware nicht bis ins kleinste Detail (Feldebene) jeden Geschäftsprozess "out of the box" anbietet, aber sehr wohl die wesentlichen Ein- und Austrittpunkte unterstützt.

In der Praxis ist die erste Hürde in vielen Fällen die Produktkalkulation – der Kunde ist nicht angelegt, es soll nicht für jede Kalkulation (Mengenstaffel, Fertigung,…) ein Artikel, eine Stückliste und eine Arbeitsplan anlegt werden. Weiteres soll nicht für jedes Material oder Werkzeug ein eigener Artikel anlegt werden, nur um diesen dann in einer Kalkulation berücksichtigen zu können. Denn ob das Produkt jemals gefertigt wird ist ungewiss. Ähnliches gilt auch für Verpackungsvorschriften usw. Wenn es allerdings bereits ein ähnliches Produkt gibt, sollen von diesem alle Daten wiederverwendet werden und nur Details abgeändert werden.

Auf den ersten Blick ein gordischer Knoten für ein Standard ERP.

Was können Add-ons liefern?

Add-ons stellen zuerst einmal ein branchenübliches Erscheinungsbild sicher. Erfassungsmasken sind an die Anforderungen angepasst. Die Befüllung der notwendigen ERP-Entitäten für die Berechnung usw. ist bereits erfolgt und Schnittstellen zu branchenüblichen Drittsystemen sind umgesetzt. In der Welt von Print und Packaging sind das:

Von einem etwas höheren Prozesslevel betrachtet bedeutet das, dass die Print und Packaging-Industrie gesehen werden kann als eine Sammlung von Einzelteilen, die keiner starren zeitlichen Sequenz folgen, die aber sehr wohl aber in ERP Standardprozessen eingebunden sind.

Mit der Einschränkung, dass zu Beginn noch nicht alles klar ist und Produkte sich erst mit der Zeit entwickeln.

Ist die Branchenlösung, bzw. sind die Module abstrahiert entwickelt, das heißt dem Prozess folgend umgesetzt, und befüllen diese nur zu bestimmten Ereignissen die ERP Entitäten, dann spricht man meines Erachtens von einer gelungenen Lösung. Diese Elemente können erweitert, ausgetauscht und individualisiert werden, trotzdem wird die Funktionalität eines Standard ERP Systems umfänglich genutzt und die Anwender profitieren von der Vollständigkeit der Lösung und der Weiterentwicklung des Herstellers.

Details, wie das ganze aussehen kann und welche Möglichkeiten es im Umfeld mit Microsoft Dynamics 365 for Finance and Operations (EE) gibt, besprechen wir gerne in einem persönlichen Beratungsgespräch!

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